Mit Behinderungen ist zu rechnen
Eberswalde (n.k./wlr). Eberswalde ist eine Stadt, eine relativ alte Stadt mit gewachsenen Strukturen. Wenn Mandy Meliß-Fischer mit ihren Zwillingen Tara und Finja durch die Stadt geht, bekommt sie das zu spüren. Sie stößt auf so einige Hindernisse. Kaputte Bürgersteige, schlecht geräumte Wege, enge Eingänge und Treppen oder Aufsteller von Geschäften machen ihre Spaziergänge zum wahren Hindernisparcours.
Beispiel Bushaltestelle: Jetzt, wo viel Schnee liegt, können die Busfahrer nicht dicht genug an die Bordsteinkante heranfahren. Eine große Lücke erschwert den Einstieg. Problematisch sind auch Bushaltestellen, an denen die Bordsteinkante nicht erhöht ist.
Unter diesen Bedingungen oft auf Hilfe angewiesen
„Bei dem Wetter ist es problematisch, dass viel Schnee an die Seite gekarrt worden ist, und der Bus ein bisschen weiter weg anhalten muss und man nicht rein kommt“, sagt Mandy Meliß-Fischer. „Es gibt wenige Busfahrer, die den Bus runter lassen. Da muss mir doch oft jemand helfen.“
Im Großen und Ganzen ist Mandy Meliß-Fischer zufrieden mit den Bedingungen in der Stadt. Wenn sie sich aber mit ihren Zwillingen zu Fuß auf den Weg macht, plant sie schon im Voraus eine halbe Stunde mehr ein. Immer wieder stößt sie auf kleine, große Hindernisse. Beispiel Post:
„Ich sollte ein Paket abholen und komme her und habe erst einmal den Eingang gesucht für mich als Mutti mit einem Kinderwagen,“ sagte Meliß-Fischer. Sie hat einen Fahrstuhl oder ähnliches gesucht, ohne Erfolg. Schließlich hat sie beide Kinder auf den Arm genommen und ist in die Postfiliale gegangen. Hier erzählt man ihr, es gibt eine Klingel für solche Fälle. Dann kommt ein Postbediensteter zur Hilfe. Leider ist die Klingel nicht offensichtlich.
Schwierigkeiten in Bus und Post
„Es wäre schön, wenn dran stünde, dass es eine Klinge ist. Es sieht aus wie eine silberne Säule, aber es steht nichts dran“, sagt Meliß-Fischer.
Mit diesen Problemen steht Mandy Meliß-Fischer nicht alleine da. Viele Senioren und behinderte Menschen haben täglich mit ähnlichen Herausforderungen zu kämpfen. In Eberswalde leben schätzungsweise 12.000 Menschen mit Behinderungen verschiedener Art. Immerhin ein Viertel der Einwohner. Den Bedürfnissen dieser Menschen will die Stadt nun gerecht werden. Die Stadtverwaltung hat das Konzept „Barrierefreie Stadt“ entworfen.
„Die Stadtverordnetenversammlung hat bereits im Jahre 2003 beschlossen der so genannten Erklärung von Barcelona beizutreten und hat damals auch ein Konzept zur Barrierefreiheit beschlossen“, erläutert der Erste Beigeordnete der Stadt Eberswalde, Lutz Landmann.
Neues Konzept trägt gesellschaftlichen Veränderungen Rechnung
„Wir müssen heute selbstkritisch sagen, dass dieses Konzept nicht in allen Belangen umgesetzt wurde und auch stark überarbeitungsbedürftig war, weil es wesentliche Veränderungen in der Gesellschaft gegeben hat.“ So sei eine Veränderung der Werte eingetreten, in der Frage der Barrierefreiheit, der Chancengleichheit. Viele Gesetze wurden geändert, sie tragen dieser Forderung Rechnung.
Auf knapp 90 Seiten analysiert die Stadt, inwieweit Eberswalde barrierefrei ist und was noch zu tun bleibt. Ein Maßnahmekatalog enthält Vorschläge zur Verbesserung der Barrierefreiheit. Dabei werden nicht nur Probleme der Bewegungsfreiheit, sondern auch Probleme durch andere Barrieren angesprochen und Lösungsansätze dargelegt. Menschen mit Einschränkungen im kognitiven Bereich, mit Einschränkungen von Gehör und Sehkraft sollen ebenfalls nicht außen vor gelassen werden. Es geht darum, alle am Leben in der Stadt teilhaben zu lassen. Sei es im Bereich der Informationsverbreitung oder in der Mobilität.
Von heute auf morgen wird Eberswalde nicht barrierefrei. Dessen ist sich die Behindertenbeauftragte der Stadt bewusst.
„Das wird sehr sehr lange dauern“, sagte Barbara Ebert, die Behindertenbeauftragte der Stadt Eberswalde. „Es ist das Fernziel, dass die Stadt barrierefrei ist. Und ansonsten müssen wir sehen, was wir in den laufenden Jahren machen können.“
Ein weiter Weg zur Barrierefreiheit
Zu den Maßnahmen gehören Bordsteinabsenkungen, Verbesserung der Querungsstellen sowie Verbesserung der Bodenindikatoren. Auch bei neuen Projekten müssen die Forderungen nach Barrierefreiheit berücksichtigt werden.
Besondere Fälle, die der Verwaltung ins Auge gefallen sind, sind der Bahnhofsvorplatz, das Rathaus. Hier wurden zwar die Belange der Gehbehinderten berücksichtigt, aber Menschen mit einer Sehschwäche zum Beispiel finden sich hier schwer zurecht. Auch das städtische Museum erfüllt nur wenige Kriterien der Barrierefreiheit. Als eine erste Maßnahme soll hier ein Fahrstuhl eingebaut werden.
Es ist noch ein langer Weg, ehe Eberswalde ohne Barrieren erlebbar sein wird. Das Konzept ist ein erster Schritt. In den kommenden Wochen und Monaten wird es den Stadtverordneten vorgestellt und zur Diskussion freigegeben.
Quelle: Eberswalder Blitz