Auf ein Wort
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Auf andere zeigen


Ist die Sache mit Griechenland nicht schlimm? Die dortige Staatsverschuldung könnte die gesamte Euro-Zone in Mitleidenschaft ziehen. Es ist schon bemerkenswert: Zuerst erschleicht man sich mit falschen Zahlenangaben die Erfüllung der Euro-Kriterien, dann werden die Haushaltsbilanzen jahrelang geschönt und jetzt sperrt sich auch noch die Bevölkerung mit Generalstreiks gegen die erforderlichen Einsparmaßnahmen der Regierung.
Die Medien überschlagen sich mit der Aufzählung all der Versäumnisse, die in Griechenland und anderswo plötzlich ans Tageslicht kommen. Und es wird mit ausgestrecktem Finger auf die Schuldigen gezeigt.
Allerdings: Wer die nüchternen Zahlen betrachtet, wird sich eingestehen müssen, dass dort nur das offensichtlich wird, was bei uns auch nicht viel anders ist. Auch wir bzw. unser Staat leben schon lange über unsere Verhältnisse und machen stets weitere Schulden.
Warum aber wird über die Fehler anderer so gern berichtet? Weil sie gut davon ablenken, dass es bei uns nicht viel besser aussieht. Die eigenen Fehler erkennen wir besonders gut, wenn andere sie begehen.
Das scheint nicht nur in der großen Politik so zu sein, sondern auch im normalen Alltag der kleinen Leute. Wie oft fühlen wir uns selber gut, wenn wir an die Schwachstellen anderer denken? Das haben wir von Kind an gelernt: „Ich bin besser als du!“ Oder: „Meins ist besser als deins!“ Doch das ist ein Irrtum: Ich behebe meine Fehler nicht, indem ich den Blick auf die Schwächen anderer lenke.
Jesus hat einmal gesagt: „Warum kümmerst du dich um den Splitter im Auge deines Bruders oder deiner Schwester und bemerkst nicht den Balken in deinem eigenen? Wie kannst du zu deinem Bruder oder deiner Schwester sagen: ‘Komm her, ich will dir den Splitter aus dem Auge ziehen’, wenn du selbst einen ganzen Balken im Auge hast? Scheinheilig bist du! Zieh doch erst den Balken aus deinem eigenen Auge, dann kannst du dich um den Splitter in einem anderen Auge kümmern!“ (Matthäus 7,3-5, nach der Guten Nachricht Bibel)
Vielleicht müssen sich nicht nur die anderen ändern, sondern auch wir uns. Fehler zu machen ist nicht schlimm, wenn man daraus lernen kann. Es ist besser, sich zu korrigieren, als mit falschem Stolz auf einem Irrtum zu beharren. Das fällt zwar schwer, könnte aber helfen, aus mancher „Sackgasse“ wieder herauszufinden.

Adelbert Genzel,
Pastor der Adventgemeinde Eberswalde-Finow



Quelle: Eberswalder Blitz